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brand eins 7/2001

 

Eine Welt, eine Währung und mehr Wert

 

 

"Unser Geldsystem ist destruktiv."

Sagt wer?

Bernard Lietaer.

Einer der Väter des Euros. Der anerkannte Experte will die Macht des Geldes brechen, indem er es von Zinsen und Gier befreit. Der Terra soll aus schlechtem Geld Gutes machen. Im brand eins-Interview erzählt Lietaer, warum das nötig ist und wie das funktionieren soll.

 

 

Text: Elisbeth Gründler Foto: Bettina Koller

 


brand eins: Sie behaupten, unser heutiges Geldsystem sei instabil und destruktiv. Wie begründen Sie dieses Urteil?


Lietaer: Die Instabilität ergibt sich aus den Zahlen der OECD und der Weltbank. In den vergangenen 30 Jahren hat es Währungskrisen in 87 Ländern gegeben. Die Krisen in Mexiko 1995, in Asien 1997, in Russland 1998 oder in Ecuador 1999 sind nur die Spitze des Eisberges.
Als 1971 die Nixon-Regierung den Dollar vom Goldstandard gelöst und die festen Wechselkurse aufgehoben hat, war dies das Ende des Weltwährungssystems der Nachkriegszeit. Seither ist unser internationales Geldsystem von der materiell-physischen Realität abgekoppelt. Die Weltwirtschaft verfügt über keinen allgemein anerkannten Wertmaßstab mehr. Unsere Währungen sind reine Fiat-Währungen, das heißt, die Geldschöpfung geschieht heute aus dem Nichts, beziehungsweise sie beruht auf der Kreditvergabe der privaten Banken und ist somit an keine materielle Wirklichkeit mehr gebunden. Die Digitalisierung des Geldes durch die Computertechnik ermöglicht es zudem, große Geldsummen als elektronische Daten zu übermitteln. Dadurch haben die spekulativen Devisentransaktionen in einem ungeheuren Ausmaß zugenommen. Heute entsprechen nur zwei Prozent aller Devisentransaktionen einem realen Austausch von Gütern und Dienstleistungen, 98 Prozent sind spekulativ. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lag das tägliche Volumen der Devisentransaktionen bei 20 bis 30 Milliarden US-Dollar. Heute werden weltweit jeden Tag zwei Billionen US-Dollar transferiert. Zwei Billionen Dollar, haben Sie eine Vorstellung, wie viel Geld das ist?


brand eins: Ehrlich gesagt, nein.


Lietaer: Wenn Sie eine Druckerpresse hätten, die pro Sekunde eine Dollarnote drucken könnte und Tag und Nacht in Betrieb wäre, müssten Sie 63416 Jahre lang drucken, um diese Summe zu erreichen. Sie müssten zurückgehen in die Jungsteinzeit und einen Neandertaler die Druckerpresse in Gang setzen lassen, um die Geldmenge in Papier zu erzeugen, die heute täglich zu spekulativen Zwecken um den Globus fließen. Die Währungsreserven aller Zentralbanken der Welt, ihre sämtlichen Goldbestände eingeschlossen, entsprechen nur den Transaktionen, die in sieben bis acht Stunden getätigt werden. In einer weltweiten Währungskrise wäre keine Instanz in der Lage zu intervenieren. Die Mittel dazu sind überhaupt nicht vorhanden. So kommt die OECD zu dem Schluss, dass die Instabilität unseres Währungssystems heute viermal größer ist als noch vor 30 Jahren.

brand eins: Welche Gefahren sehen Sie darin?


Lietaer: Währungskrisen haben immer ihren Preis, weil sämtliche Verträge, Pensionen und Mieten plötzlich wertlos werden. Das erzeugt große Angst und Unsicherheit. Hitler kam durch die sozialen und politischen Folgen der deutschen Währungskrise der zwanziger Jahre an die Macht, was letztlich zum Zweiten Weltkrieg führte. Jugoslawien erlebte in den späten achtziger Jahren ebenfalls eine Währungskrise mit massiver Geldentwertung. Auch diese Krise endete im Krieg. Demokratie beruht immer auf der Existenz einer Mittelklasse. Eine Währungskrise zerstört die Mittelklasse und damit auch die Demokratie. Die Existenzangst der Bürger bereitet den Boden für Demagogen. Sündenböcke werden gesucht und in ethnischen Minderheiten gefunden: Das war im Nazideutschland ebenso der Fall wie im zerfallenden Jugoslawien oder im heutigen Russland.
Abgesehen von solchen realen, politischen Gefahren, liegt die Destruktivität unser Geldsystems noch auf einer anderen Ebene: Wir gehen von der stillschweigenden Annahme aus, die von den Wirtschaftswissenschaften gestützt wird, dass unser Geld im ethisch-moralischen Sinne wertneutral sei. Das ist grundfalsch. Zinsen zerstören auf Dauer jede Gemeinschaft – ein Grund, warum alle großen Religionen versucht haben, sie zu verbieten. Von der Illusion der ethischen Wertneutralität des Geldes müssen wir Abschied nehmen, wenn wir für uns und unsere Kinder ein intaktes Ökosystem und eine lebenswerte Zukunft wollen.


brand eins: Was ist überhaupt Geld?


Lietaer: Unser letztes gesellschaftliches Tabu – nach der Sexualität und dem Tod –, das es zu entschleiern gilt. Geld ist kein Ding. Geld drückt eine Beziehung zwischen Menschen aus. Geld ist nichts anderes als die Vereinbarung einer Gemeinschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden. Das können Muscheln sein, Kamele, Weizen, aber auch Eisenbarren, Mühlsteine oder Goldmünzen. Oder eben Banknoten aus Papier. Im Nachkriegsdeutschland schufen die Menschen spontan eine Zigarettenwährung. Entscheidend dafür, ob etwas Geld ist, ist allein die Tatsache, dass Sie und ich und der Rest der Gemeinschaft uns darüber einig sind, etwas als Geld zu definieren. Und schon ist es Geld! Natürlich haben dabei immer auch praktische Erwägungen eine Rolle gespielt: Der Siegeszug des Goldes seit der Antike liegt in seiner physischen Beschaffenheit und seiner leichten Transportierbarkeit. Weizen kann von Ratten gefressen werden oder keimen. Gold ist beständiger.

brand eins: Und wieso zerstören Zinsen ein Gemeinwesen?


Lietaer: Zinsen machen kurzfristiges Denken profitabel. 100 Euro von heute, diskontiert mit zehn Prozent pro Jahr, sind in 100 Jahren nur noch sieben Cent wert, auch ohne Inflation. In 200 Jahren beträgt ihr Wert nur 0,000003 Euro, also nur noch der dreimillionste Teil eines Euros. Langfristiges Denken, Handeln und Investieren, das heißt nachhaltiges Wirtschaften, lohnt sich in diesem Geldsystem überhaupt nicht. Dabei sind die Menschen durchaus in der Lage, langfristig zu denken. Ich habe mit vielen Führungskräften gesprochen: Wenn es um ihre Familie geht, denken sie in Zeiträumen von 20 bis 30 Jahren. Im Unternehmen dagegen verengt sich ihr Zeithorizont bei den allermeisten Entscheidungen auf etwa drei Monate. Und das nicht, weil sie dumm oder unmoralisch sind, sondern weil sie sonst sofort ihren Job verlieren würden. Das nenne ich destruktiv. Wir kennen alle unsere globalen Probleme sowie die ökologischen, klimatischen und sozialen Folgen und damit auch Kosten, die unser kurzfristiges, profitorientiertes Wirtschaften hat. Aber wir ziehen keine Konsequenzen und treffen keine anderen Entscheidungen. Unser Geldsystem, das auf dem Zins basiert, verhindert das.


brand eins: Also keine Zinsen? Eine Wirtschaft ohne materiellen Anreiz, wie soll das funktionieren?


Lietaer: Einige der Funktionen des heutigen Geldsystems tendieren dazu, sich zu widersprechen. Eine Währung mit Zinsen hat einen eingebauten Anreiz, Ersparnisse in Form von Geld zu akkumulieren und zu konzentrieren. Mit der so hervorgerufenen Konzentration des Geldes sinkt die Möglichkeit, dass es den ärmeren Schichten der Bevölkerung als Tauschmittel dienen kann. Statt Zinsen zu erheben, kann man Geld mit einer Demurrage belegen, gewissermaßen eine Strafgebühr für die Hortung. Durch die Demurrage verliert das Geld seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel und wird zum reinen Tauschmittel.
     Die Geschichte hat gezeigt, dass duale Systeme sehr gut zusammen funktionieren, den Gegensatz zwischen Arm und Reich erheblich vermindern und außerdem langfristiges Denken und langfristige Investitionen ermutigen. Das Hochmittelalter zum Beispiel kannte so ein duales Geldsystem. Die Kathedralen, die wir heute noch bestaunen, haben Bürger mit lokalem Geld gebaut, das mit Demurrage funktionierte. Damals wurden zehn Prozent des Umsatzes in die Erhaltung der Produktionsmittel und in die Infrastruktur, wie Mühlen, Wege oder Werkstätten, investiert. Danach blieb den Bürgern immer noch genug übrig, um für ihre gemeinschaftlichen, spirituellen und künstlerischen Bedürfnisse zu sorgen, indem sie die Kathedralen bauten.
     Der Erfinder des so genannten Liegegeldes in der Moderne war Silvio Gesell. Er nannte es Freigeld oder Schwundgeld. Seine Grundüberlegung war, dass Geld eine öffentliche Dienstleistung ist, ähnlich dem Nahverkehr. Dafür, dass man die Dienstleistung in Anspruch nimmt, entrichtet man eine kleine Gebühr. In Wörgl, Schwanenkirchen und an vielen anderen Orten wurde mit diesem einfachen Konzept während der Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpft. Diese Geld-Experimente wurden von den Regierungen und Zentralbanken in Amerika und Europa unterbunden, weil die um ihr Geldmonopol fürchteten. Selbst John Maynard Keynes hat sich für eine Demurrage statt Zins ausgesprochen, weil dadurch das Geldsystem stabiler wird.


brand eins: Wollen Sie unser heutiges System von Zentralbankwährungen abschaffen?


Lietaer: Nein, ich glaube nicht, dass es realistisch ist, das herrschende Geldsystem einfach durch ein anderes zu ersetzen. Für bestimmte Zwecke haben die Zentralbankwährungen mit Zinsen durchaus eine positive Funktion. Stattdessen schlage ich vor, Wahlmöglichkeiten hinsichtlich des Geldes zu schaffen, indem man Komplementärwährungen bereitstellt, die parallel zum konventionellen System funktionieren, jedoch eine andere Wirkung haben. Silvio Gesell forderte die Abschaffung der auf Zinsen basierenden Geldsysteme – das ist einer der Hauptgründe, warum er scheiterte.


brand eins: Und Ihr Modell?


Lietaer: Mein Vorschlag ist, überall dort, wo den Menschen das Geld fehlt, um wirtschaftlich aktiv zu werden, lokales Geld zu schöpfen. Mit lokalen Komplementärwährungen können wir die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen. Seit Beginn der neunziger Jahre ist eine weltweite Zunahme von Komplementärwährungen zu beobachten, wie die LETS-Systeme, die in Kanada ihren Ursprung hatten, oder der Time Dollar, bei dem Arbeitsstunden verrechnet werden.
     Die Vorteile lokaler Währung werden von immer mehr Verantwortlichen erkannt. In 30 Bundesstaaten der USA wird lokales Geld von der Administration gefördert. Die neuseeländische Regierung unterstützt lokales Geld in den Gebieten, die von Arbeitslosigkeit am stärksten betroffen sind. Heute gibt es weltweit etwa 2700 lokale Komplementärwährungen. Diese lokalen Geldschöpfungen basieren zum großen Teil auf wechselseitigem Kredit und erheben keine Zinsen.

brand eins: Geld und sozialer Anspruch in einem, geht das?


Lietaer: Komplementärwährungen haben keine inflationäre Wirkung auf das herkömmliche Geldsystem. Man kann mit ihnen keinen Reichtum anhäufen. Stattdessen – und das ist von grundlegender Bedeutung – schaffen sie soziales Kapital. Die lokalen Währungen sind gemeinschaftsfördernd und ermöglichen Aktivität an der Basis. Damit werden die sozialen Kosten, die mit Arbeitslosigkeit unweigerlich verbunden sind, die durch Krankheit, Sucht oder Kriminalität entstehen, vermindert. Die Förderung des lokalen Geldes in den USA geschah mitten im Boom der neunziger Jahre, weil sich zeigte, dass die sozialen Probleme nicht mit herkömmlichem Geld lösbar sind.


brand eins: Wären diese Vorteile auch global nutzbar?


Lietaer: Selbstverständlich. Ich habe dafür das Konzept einer globalen Referenzwährung entwickelt, die ich „Terra“ nenne. Damit wird dem weltweiten Handel ein stabiler, inflationsfreier Wertmaßstab geliefert. Eine globale Referenzwährung wird von führenden Wirtschaftswissenschaftlern immer wieder gefordert, etwa von dem Nobelpreisträger Jan Tinbergen. Sie beruht auf einer einfachen Grundüberlegung: Eine Einheit des Terras entspricht dem Wert eines Warenkorbes von Gütern und Dienstleistungen, die im internationalen Handel besonders wichtig sind: etwa 1/10 Barrel Rohöl + 8 Gallonen Weizen + 2 Pfund Kupfer + 1/100 Unze Feingold usw.
     Ihr relatives Gewicht in dem Warenkorb würde im Idealfall das Gewicht widerspiegeln, das sie im internationalen Handel haben. Durch den Warenkorb ist die Terra-Währung fest in der physischen Realität verankert. Der Terra ist deswegen inflationssicher, weil der Warenkorb in einer Weise definiert ist, die die Hauptkomponenten der globalen Inflation einbezieht. Er ist umrechenbar und konvertierbar in jede Landeswährung. Der Terra kann elektronisch transferiert werden wie jede andere Währung. Er ist zinsfrei, dient als Tauschmittel und als Wertmaßstab und hat eine von Natur aus eingebaute Liegegebühr, die ich „Nachhaltigkeitsgebühr“ nenne. Das sind Lagerkosten der Waren, die ich mit 3 bis 3,5 Prozent pro Jahr veranschlage. Dies sind jedoch keine neuen zusätzlichen Kosten, denn sie fallen sowieso an und sind in den bestehenden Volkswirtschaften bereits eingerechnet. Diese Lagerkosten werden lediglich auf den Inhaber von Terra übertragen, wodurch sie die nützliche soziale Funktion einer Nachhaltigkeitsgebühr erhalten.

brand eins: Und wie stellen Sie sich die Einführung dieser globalen Referenzwährung Terra vor?


Lietaer: Theoretisch durch einfache Abkommen auf Regierungsebene – doch das ist heute nicht sehr realistisch. Ich setze auf die Initiative von Unternehmen. Mittlerweile fallen wichtigen Planungsentscheidungen eher in multinationalen Unternehmen als in Regierungen, etwa über nachhaltiges oder nicht nachhaltiges Wirtschaften. Daher ist ihre Beteiligung auf jeden Fall erforderlich. Ich stelle mir vor, dass eine Gruppe von Schlüsselunternehmen für die Einführung der globalen Referenzwährung gewonnen wird und dass diese Unternehmen den Terra dann jedem als Dienstleistung anbieten, der weltweit Handel treiben möchte.
     Einige Branchen, etwa die IATA (International Air Transport Association), haben bereits spezielle, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Standardeinheiten für ihren Tauschhandel entwickelt. Aus unternehmerischer und rechtlicher Sicht lässt sich die Terra-Währung am besten als Standardisierung des Tausches verstehen. Aufgrund der hohen Währungsrisiken haben Barter-Geschäfte ständig zugenommen. Im Jahr 1995 betrug ihr Volumen etwa 590 Milliarden Dollar. Der nächste logische Schritt ist die Entstehung standardisierter Tauscheinheiten für Internet-Geschäfte. Der Terra ist so gesehen nichts anderes als eine über Branchengrenzen hinweg einsetzbare Tauscheinheit.


brand eins: Sie halten es also für möglich, dass unterschiedlich konzipierte Währungen nebeneinander existieren?


Lietaer: Ja, das ist heute schon der Fall, sowohl lokal als auch global. Wir müssen diesen Prozess nur bewusster, rationaler und effektiver organisieren, wenn wir zukünftige Krisen verhindern wollen. Das uralte Konzept vom Gleichgewicht zwischen Yin und Yang ist wichtig für das Verständnis der Dynamik eines dualen Währungssystems. Unsere heutigen Landeswährungen sind Yang-Währungen. Durch ihre Knappheit fördern sie den Wettbewerb, bilden Geld- und Sachkapital und dienen dem Waren- und Güteraustausch. Lokale Währungen sind gemeinschaftsfördernd und entwickeln das soziale Kapital. Mit nur einem einzigen Geldsystem können wir nicht alle unsere Probleme lösen, insbesondere nicht unsere sozialen „Yin-Rollen“ erfüllen. Vielleicht werden zukünftige Generationen unser heutiges Monopol der Yang-Währungen ähnlich beurteilen, wie wir heute die Steinzeitmenschen, die mit einem einzigen Werkzeug Dutzende unterschiedlicher Arbeiten verrichteten. Wir finden es heute selbstverständlich, hoch spezialisierte Werkzeuge zu benutzen. Nichts anderes sind die unterschiedlichen Geldsysteme. Währungen sind Informationssysteme. Kein hoch entwickelter lebendiger Organismus stützt sich auf nur ein einziges.


brand eins: Inwiefern können wir durch ein verändertes Geldsystem unser Denken und Handeln verändern?


Lietaer: Klimaveränderung, Arbeitslosigkeit und Währungsrisiken werden heute oft noch isoliert voneinander betrachtet. Die Ökologen und Grünen haben keine Ahnung davon, dass sie gegen den Geldstrom schwimmen, und wissen nicht, dass unsere Unfähigkeit, langfristig zu denken, mit unserem Geldsystem zu tun hat. Langfristiges Denken und Nachhaltigkeit sind keine spontanen Phänomene. Wenn man jemanden überzeugen will, wirtschaftlich etwas zu tun, was nicht spontan ist, gibt es nur drei Möglichkeiten: erstens die Regulierung durch Gesetze und Vorschriften, zweitens Bildung und Erziehung und drittens den handfesten materiellen Vorteil. Wenn der finanzielle Anreiz den ersten beiden Faktoren zuwiderläuft, dann haben wir die Probleme, die wir heute haben.


brand eins: Wie beurteilen Sie die Einführung des Euro?


Lietaer: Ich habe mich für den Euro eingesetzt und an seiner Einführung mitgewirkt, weil er den innereuropäischen Handel erleichtert und einen stabilen Vergleichsstandard schafft. Ohne seine Einführung wären die Europäer schon vor Jahren wirtschaftlich am Boden gewesen, weil es einen Wettstreit der Abwertung zwischen den europäischen Ländern gibt, wenn die Arbeitslosigkeit ein bestimmtes Niveau erreicht. Doch die Währungsrisiken mit der übrigen Welt kann der Euro nicht beseitigen, auch nicht die Arbeitslosigkeit. Vielmehr schränkt er die Handlungsspielräume der nationalen Regierungen und der Zentralbanken ein, durch Zinssenkungen auf die Geldmenge Einfluss zu nehmen. Um der Arbeitslosigkeit wirksam zu begegnen, benötigen wir lokale Komplementärwährungen
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(Info)
Bernard Lietaer:


Bernard Lietaer hat als Manager der belgischen Zentralbank von 1978 bis 1983 den Ecu, den Vorläufer des Euros, mit auf den Weg gebracht. Er war Regierungsberater, Fondsmanager, Währungshändler und Professor für Finanzwesen, zuletzt in Berkeley. Er ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Geld.
Informationen zu Bernard Lietaer im Web:
www.futuremoney.de

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(Buchtipps)
01. Margrit Kennedy:

Geld ohne Zinsen und Inflation – Ein Tauschmittel, das jedem dient.
Goldmann, München, 1991; 14,90 Mark

02. Helmut Creutz:
Das Geld-Syndrom – Wege zu einer krisenfreien Wirtschaftsordnung,
Ullstein, Berlin, 2001; 24,90 Mark

03. Bernard Lietaer:
Das Geld der Zukunft – Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen.
Riemann, München, 2000; 39,90 Mark

04. Bernard Lietaer:
Mysterium Geld – Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus.
Riemann, München, 2000; 42 Mark

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(Glossar)
Demurrage: Liegegebühr, negativer Zins
Liegegeld: Währung, die mit einer Demurrage funktioniert
Fiat-Währung: Währung, die durch die Macht einer Autorität aus dem Nichts geschaffen wird. Das sind all unsere konventionellen Landeswährungen, auch der Euro.
LETS: Abkürzung für Local Exchange Trading System, die beliebteste lokale Währung, organisiert nach dem wechselseitigen Kreditsystem
Time Dollar: ein wechselseitiges Kreditsystem mit der Währungseinheit von einer Arbeitsstunde. Time Dollars wurde von Edgar Cahn Mitte der achtziger Jahre entwickelt. Die amerikanische Regierung erklärte Transaktionen in Time Dollars für steuerfrei.
Barter: direkter Austausch von Gütern oder Dienstleistungen ohne Beteiligung einer Währung.

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