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Geld muss fließen

 

Kleiner Trick mit großer Wirkung:

das Ausgeben belohnen, nicht das Festhalten.

 

Von Wolfgang Berger

 

Die Wirklichkeit hat die herrschende Lehre der Ökonomie, der die meisten Politiker folgen, längst widerlegt. Nach Max Planck müssen die Vertreter einer widerlegten Lehrmeinung erst aussterben, bevor sich die Fachwelt umorientiert. Für die falschen Lehrmeinungen bezahlen weltweit eine Milliarde Arbeitslose mit ihrer Menschenwürde und in jeder Stunde dreitausend Menschen, die verhungern und verdursten, mit ihrem Leben.

Die Lösung ist einfach. Keine der etablierten politischen Parteien kennt sie. Irving Fisher (Amerikas bedeutendster Ökonom), John Maynard Keynes (der bekannteste Ökonom des 20. Jahrhunderts) und Albert Einstein (der größte Physiker des 20. Jahrhunderts) aber haben sie gewürdigt. Wir können die Marktwirtschaft ohne ökologischen oder sozialen Kollaps weiterentwickeln und mit einer „Fairconomy“ unsere Probleme lösen!

„Wer Silvio Gesell kennt, der braucht die übrigen Werke der Volkswirtschaftslehre nur als Kommentar zu lesen; und wer ihn nicht kennt, der sollte deren Lektüre unterlassen, denn er versteht doch nichts davon – genauso wenig wie die Verfasser der Werke“, hat Hans Blüher über den wichtigsten Geldtheoretiker aller Zeiten gesagt, der von 1862 bis 1930 gelebt hat und dem wir diese einfache Lösung verdanken.

Dass Silvio Gesell heute weitgehend unbekannt ist, hat er mit anderen großen Geistern der Menschheitsgeschichte gemeinsam, deren Bedeutung die Nachwelt erst nach ihrem Tod erkannt hat. Bis seine Gedanken Wirklichkeit geworden sind, wird die Welt nicht zur Ruhe kommen. Bis dahin aber kann jeder wählen – zwischen schweigender Mitschuld und mutiger Rede oder Tat. Dieser Beitrag soll hierfür eine Entscheidungshilfe anbieten.

 

Metamorphose © Waldah, Walter.Wesinger@t-online.de

 

 

Fließendes Geld

„Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, dass sie kein Geld haben“, lästert Kurt Tucholsky und ergänzt: „Das hat mehrere Gründe. Die feinsten sind die wissenschaftlichen.“

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“, sagt Goethe und meint natürlich ebenfalls Geld, denn zu seiner Zeit hat es Gold-Währungen gegeben. Wenn wir die Geschichte studieren, ist es erstaunlich, dass die Zeiten großer kultureller Blüte und eines breiten Wohlstands in der Bevölkerung Zeiten waren, in denen nicht Edelmetalle als Zahlungsmittel dienten, denn davon gibt es tatsächlich zu wenig. In den „Goldenen Zeiten“ sind aus diesem wunderschönen Metall Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände hergestellt worden. Als Zahlungsmittel aber hat etwas gedient, das wir heute „fließendes Geld“ nennen.

 

Ein altes Sprichwörter verrät uns, worauf es ankommt: „Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zu andern“, heißt es, seit 1517 der Joachimsthaler Groschen das gängige Zahlungsmittel in Mitteleuropa ist – eine Münze aus dem Silberbergbau von St. Joachimsthal im böhmischen Erzgebirge, die kurz „Thaler“ genannt wird.

Weil der Materialwert der Münzen seinem Zahlungswert entspricht, wandert er nicht, verbreitet dadurch große Not und die Leute erinnern sich an bessere Zeiten. Sie wissen, dass der Taler wandern muss, damit diese Zeiten wiederkehren, aber sie verstehen nicht, was ihm fehlt, dass er das partout nicht tut. Bis 1907 gilt der preußische Taler in Deutschland. Danach wird alles Edelmetall eingeschmolzen, um die Aufrüstung des Kaiserreichs zu finanzieren.

 

Die Phönizier haben das Geld erfunden, nur leider viel zu wenig.

 „Der Rubel muss rollen“, sagt ein anderes Sprichwort und drückt damit aus, dass das Geld und das Rad viel gemeinsam haben. Beides sind Erfindungen, die am Anfang der ersten großen Zivilisationen stehen. Heute läuft das Rad sichtbar an Fahrzeugen und unsichtbar in Motoren, Maschinen und Apparaten. Ein Rad erfüllt seine Funktion nur, wenn es sich dreht – nach Möglichkeit ohne Reibungsverlust. Deshalb sind Achse und Nabe immer weiter entwickelt worden. Kugellager und Walzenlager sind erfunden und immer bessere Schmiermittel eingesetzt worden. Die modernen Naben mit Dauerschmierung müssen kaum noch gewartet werden.

Auch Geld zirkuliert unsichtbar wie das Rad in einer Maschine und erfüllt seine Funktion nur, wenn es reibungslos umläuft – also fließt. Auch beim Geld sollte die „Nabe“ dauergeschmiert sein. Seit Jahrhunderten hat es immer wieder Wirtschaftskrisen gegeben. Immer ist es die Geldzirkulation gewesen, die nicht funktioniert hat – in der „Nabe“ hat es geharzt. Wenn das Geld nicht fließt, fehlt es dort, wo es gebraucht wird – bei denen die arbeiten und konsumieren wollen. Dort ist es dann zu wenig. Angesammelt hat es sich dafür in den großen „Finanzstauseen“ von Investmentfonds, die damit in einem globalen Monopoly die Preise von Aktien, Grundstücken und Rohstoffen in die Höhe treiben.

 

Die Erfindung des Geldes im Zweistromland

Am Unterlauf von Euphrat und Tigris – der Wiege unserer Zivilisation im heutigen Irak – erfinden die Sumerer vor 8.000 Jahren die Schrift und das Metallhandwerk und verwandeln ein trockenes Tal in ein landwirtschaftliches Paradies. Ihre Hauptstadt Babylon gilt später als die schönste Stadt der Welt, mit einem schier unermesslichen Reichtum. Nach dem Urteil des Propheten Jesaja ist ihr Reich „das schönste und herrlichste unter den Königreichen“.

Der griechische Tourist und Schriftsteller Herodot besucht Babylon im 5. Jahrhundert v. Chr. und beschreibt die Stadt überschwänglich: Sie hat die Größe des heutigen Paris. Die Stadtmauern sind gewaltig hoch und oben auf den Mauern fahren Wagen mit sechs Pferden. Mit ihren prachtvollen Tempeln, weitläufigen, künstlich angelegten Kanälen und hängenden Gärten ist sie für Jahrtausende – Jahrtausende! – die schönste und reichste Stadt der Welt.

Das Geheimnis dieser langen Epoche von Wohlstand, Frieden und kultureller Blüte ist fließendes Geld: Die Sumerer haben den Schekel erfunden (Israel benutzt dieses Wort heute für seine Währung). "Sche" bedeutet Weizen und "Kel" ist ein Maß für 16½ Gramm – soviel wie eine Kelle fasst. Mit Münzen im Wert eines Schekels Weizen werden die schönen Priesterinnen im Tempel der Fruchtbarkeitsgöttin Astarte bezahlt.

So brauchten die Männer den Weizen nicht in den Tempel zu bringen.

 

Die Lösung ist einfach, aber keine der etablierten politischen Parteien kennt sie.

Wenn der Weizen alt ist und verdirbt, werden die Schekel auch alt und verderben. Und wenn er alle ist, sind die Schekel wertlos, denn für die nächste Ernte werden neue geprägt. Der Schekel vereinfacht den Tausch. Aufzubewahren ist er nicht besser und nicht schlechter als Weizen. Wir können auch sagen, dass die Währung durch Weizen gedeckt ist. Aufheben lohnt sich nicht. Also geben die Leute sie aus und leben gut. Das ist die Quelle ihres Reichtums.

 So weit bekannt, geht dieses blühende Reich unter, als seine Bewohner bequem und leichtsinnig geworden sind. Sie schützen sich nicht mehr und werden von Feinden erobert, die glauben, Reichtum lasse sich rauben und trotzdem erhalten. Die Quelle dieses Reichtums aber – fließendes Geld – lassen sie versiegen, und so bleiben letztendlich nur Ruinen.

  

Hochmittelalter und Hansestädte

 Eineinhalb Jahrtausende nach dem Zerfall des Römischen Reiches wird Europa von einer geldpolitischen Innovation aus dem mittelalterlichen "Winterschlaf" erweckt: Der Erzbischof von Magdeburg und die Stauferkönige wissen nicht, wie sie ihren Haushalt finanzieren sollen. Sie führen die "Brakteaten" ein – aus dünnem Blech einseitig geprägte Münzen, die unter dem Bild des Fürsten oder Königs das Jahr zeigen, in dem sie gültig sind. Diese Münzen werden jährlich "verrufen" – für ungültig erklärt. Mit einem "Abschlag" von 20 Prozent können dann 100 alte Münzen gegen 80 neue, gültige Münzen umgetauscht werden. Mit dem Abschlag finanzieren die Herrscher den Staatshaushalt.

Und weil das so einfach ist, machen die meisten europäischen Monarchien zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert es ihnen nach. Was die mittelalterliche Hochkultur mit fließendem Geld erschafft, lässt uns heute nur noch staunen:

Die vielen wunderschönen mittelalterlichen Städte werden gegründet oder prachtvoll ausgebaut: Colmar, Tübingen, Rothenburg, Regensburg, Passau, Prag, Görlitz, Quedlinburg, Xanten, Antwerpen, Luzern, Zürich, Graz, Salzburg und all die unzähligen malerischen Fachwerkstädte überall in Mitteleuropa. Fast alle großen Dome und Kathedralen Europas werden in dieser Zeit erbaut – unter anderem die in Köln, Fulda, Straßburg und Freiburg.

 

Und die Hanse verwandelt ärmliche Fischerhäfen rund um die Ostsee in Oasen blühenden Reichtums: die Hansestädte.

 

Die Fünftagewoche wird fast überall eingeführt – ganz ohne Gewerkschaften: außer dem Sonntag ist der „blaue Montag“ arbeitsfrei. Teilweise gibt es sogar eine Vier-Tage-Woche und die wöchentliche Arbeitszeit beträgt vielfach nur 30 Stunden. Der Kulturhistoriker Egon Friedell beschreibt die üppigen Festgelage des einfachen Volkes mit Gauklern und Geschichtenerzählern, Musikanten und Troubadouren – da läuft jedem von uns heute das Wasser im Munde zusammen. Es ist eine Zeit, die überquillt vor triefendem Hochgenuss.

Was ist das Geheimnis dieser wirtschaftlichen und kulturellen Blüte? Weil am Ende eines Jahres auf die Brakteaten eine 20prozentige Steuer zu zahlen ist, investieren die Leute ihr Geld lieber in großartige Bauwerke und Kunst oder sie verjubeln es und genießen ihr Leben.

 Die Blütezeit dieses Hochmittelalters – von etwa 1150 bis 1450 – wird von der finsteren Epoche des Mittelalters abgelöst, nachdem die Herrscher gierig geworden sind. Den Abschlag von 20 Prozent haben sie auf bis zu 40 Prozent erhöht und den Zeitraum von einem Jahr, nachdem die Münzen jeweils „verrufen“ werden, auf ein halbes Jahr verkürzt.

Das zerstört das Vertrauen der Bevölkerung in das Geld und weckt den Ruf nach Gold, das von sich aus werthaltig ist – und deshalb nicht fließen muss. Edelmetallwährungen werden dann auch eingeführt und beenden diese wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit.

 

Die Weltwirtschaftskrise

Die große Wirtschaftskrise, die 1929 beginnt, wird durch einen geldpolitischen Fehler der amerikanischen Notenbank ausgelöst. Die Arbeitslosigkeit grassiert wie die Pest und es gibt nichts mehr zu kaufen. In Wörgl, einer Kleinstadt in Tirol, ist jeder zweite Erwachsene arbeitslos. Bürgermeister Michael Unterguggenberger fragt sich, warum Leute, die arbeiten wollen und können das nicht tun sollen, nur weil kein Geld da ist, um sie zu bezahlen. In der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ von Silvio Gesell hat er gelesen, was er tun kann:

Taler, Taler, du musst wandern von der einen Hand zur andern

Er gibt "Arbeitswertscheine" aus, die auf den gleichen Betrag in der Landeswährung lauten.

Die Scheine müssen an jedem Monatsende mit einer Wertmarke als Nutzungsgebühr beklebt werden. Mit den ersten Scheinen, die er ausgibt, bezahlt er die Arbeiter, die die Kanalisation bauen. Um die Gebühr zu sparen, geben sie die Scheine schnell beim Bäcker aus und kaufen Brot. Der Bäcker will die Gebühr auch nicht zahlen und gibt sie sofort an den Tischler weiter, der seine Fenster erneuert. Der bringt sie zum Metzger für Wurst und der zum Schmied für ein neues Hoftor. Vor lauter Sparsamkeit zahlen die Bürger die Gemeindesteuer sogar im Voraus. Damit lässt der Bürgermeister die Straßen pflastern und beleuchten, einen Kindergarten bauen und die Schule modernisieren. Das löst einen neuen Kreislauf aus. Wörgl erreicht nahezu Vollbeschäftigung und bekommt eine ordentliche Infrastruktur. Das Experiment ist so erfolgreich, dass es Nachahmer in anderen Gemeinden findet, so auch in Schwanenkirchen/Bayern und in Hawarden/Iowa, U. S. A. Der französische Ministerpräsident Édouard Daladier besucht Wörgl und viele Orte in mehreren Ländern bereiten ähnliche Projekte vor.

Die Finanzexperten allerdings erklären diese „Strohfeuer“ für groben Unfug und die Zentralbanken setzen Verbote durch. Der Bürgermeister von Wörgl geht vor Gericht. Vor dem obersten Verwaltungsgerichtshof verliert er und wird entlassen. Die Scheine sind bis dahin im Durchschnitt insgesamt 416 Mal zirkuliert und haben Werte erzeugt, die heute 4½ Millionen Euro entsprechen. Nach dem Verbot kehrt Wörgl zur Landeswährung zurück, zu hoher Arbeitslosigkeit und zu schrecklichem sozialen Elend.

 

Was heute möglich ist

Die Lehre aus all den historischen Beispielen ist einfach: Geld schafft Arbeitsplätze, sobald es fließt. Irgendetwas muss es zum Fließen bringen. Bei den Sumerern war es das Verfalldatum ein Jahr nach der Ernte, im Mittelalter war es der „Abschlag“, in Wörgl waren es die monatlich fälligen Wertmarken. Die Zeiten haben sich gewandelt. Weizengutscheine und Wertmarken sind heute gewiss unpraktisch, aber ein „Abschlag“ wie im Hochmittelalter könnte von der Zentralbank auf einfache Weise einbehalten werden:

Von den Girokonten könnten z. B. monatlich ¾ Prozent Gebühr abgebucht werden. Bei Terminanlagen reduziert sich der Satz auf bis zu ¼ und bei langfristigen Investitionen entfällt er ganz. Bargeld gibt es entweder nur in Form von Geldkarten und mit dem Handy können wir im „Online Banking“ Gutschriften entgegennehmen. Oder aber winzig kleine Chips werden in die Geldscheine eingebaut, die die monatlich fällige Gebühr jedes Mal anzeigen, wenn der Schein im Prüfgerät der Bank oder des Einzelhändlers auf seine Gültigkeit untersucht wird. Dann muss die Gebühr bezahlt werden und das Gerät aktualisiert den Schein. Auch Scheine mit kurzfristigem Verfalldatum sind denkbar: rote im Frühjahr, grüne im Sommer, braune im Herbst, blaue im Winter.

 

Unser heutiges Geldsystem belässt uns im Zustand einer gefräßigen Raupe, die ihren Lebensraum zerstört.

Das hat großartige Konsequenzen:

-  Wenn die Menschen Geld haben, werden sie es gern ausgeben, denn dann brauchen sie die Gebühr nicht zu zahlen. Das ist ein kräftiges Konjunkturprogramm.

Wenn sie mehr haben als sie ausgeben wollen oder können, werden sie es bei ihrer Bank langfristig anlegen, denn auch so entfällt die Gebühr.

Wenn auf dem Finanzmarkt noch ein Zins gezahlt wird, erhöht die Zentralbank die Gebühr geringfügig, bis der Marktzins Null ist.

Wird der Marktzins negativ, reduziert die Zentralbank die Gebühr geringfügig, bis der Zins wieder Null.

In Verbindung mit dieser Feinsteuerung kann die Zentralbank den Geldwert durch die Steuerung der Geldmenge stabil – die Inflation also exakt auf Null – halten.

Geldwertstabilität macht finanzielle Dispositionen langfristig berechenbar und bietet ein hohes Maß an Sicherheit für Vorsorgemaßnahmen aller Art.

Unternehmen können sich – gegen Sicherheiten wie heute – zinslos Kredite beschaffen und das löst einen beispiellosen Investitionsschub aus.

Der Staat kann sich teilweise aus der Geldgebühr oder -steuer finanzieren und deshalb andere Steuern senken.

Die öffentlichen Haushalte vermeiden langfristig den heute zweit-höchsten Budgetposten – die Zinsen – und können so tatsächlich in Infrastruktur investieren.

Die großartigste Konsequenz fließenden Geldes aber ist, dass unser heutiges Einkommen hat plötzlich die doppelte Kaufkraft!

 

Fließendes Geld halbiert die Preise

Die doppelte Kaufkraft? Ja: Wenn Sie heute ein Brot kaufen, kommt es aus einer modernen Bäckerei:

Die geschmackvolle Einrichtung des Backwarenladens, in dem Sie das Brot kaufen, ist mit Kredit finanziert.

Der Lieferwagen, mit dem das Brot angeliefert wird, ist mit Kredit finanziert.

Die Produktionsanlagen der Bäckerei sind mit Kredit finanziert.

Der Anlagenbauer, die die Backwarenfabrik geliefert hat, hat sein Werk mit Kredit finanziert.

Die Stahlhütte, die das Rohmaterial dafür geliefert hat, hat ihre Fertigung mit Kredit finanziert.

Das Eisenerz und die Kohle für die Stahlproduktion sind im kreditfinanzierten Bergbau gewonnen worden.

Die Gebäude für alle Produktionsstätten in einer in Wirklichkeit noch viel längeren Liefer- und Produktionskette, sind mit Kredit finanziert.

 

Alle diese kumulierten Kreditzinsen sind im Preis des Brotes, das Sie kaufen, enthalten. Auch wenn Sie selbst vollkommen schuldenfrei sind, bezahlen Sie mit dem Preis von allem, was Sie kaufen im Durchschnitt ca. 40 Prozent Zinsen.

Wenn doch einmal an irgendeiner Stelle in der langen Produktionskette ausreichend Eigenkapital vorhanden ist und ganz ohne Bankkredite gearbeitet wird, müssen die Zinsen trotzdem in die Preise hineinkalkuliert werden. Würden sie es nicht, wäre es für den Unternehmer einfacher, sein Geld bei der Bank anzulegen, wo es sich während seines Schlafes auch ohne den aufreibenden und riskanten Job eines Unternehmers vermehrt.

 

Das Ende der Arbeitslosigkeit

Wenn wir jetzt noch die reduzierte Steuerlast berücksichtigen, die sich in sämtlichen Stufen des Produktionsprozesses von Brot niederschlägt und auch bei uns als den Käufern des Brotes, kommen wir auf ungefähr 50 Prozent. Mit anderen Worten: Ob wir wollen oder nicht, auch wenn wir ganz schuldenfrei sind, zahlen wir im Durchschnitt ungefähr die Hälfte unseres Einkommens, das wir ausgeben, für Zinsen. Und wenn die – als eine segensreiche Folge fließenden Geldes – wegfallen, haben wir mit unserem heutigen Einkommen die doppelte Kaufkraft.

Hand auf Herz: Wollen Sie wirklich doppelt so viele Dinge kaufen? Vielleicht wollen Sie es.

Aber Sie können sicher sein, dass manch anderer lieber halb so viel arbeitet. Die Folge davon ist, dass viele Menschen Halbtagstätigkeiten anstreben und das Arbeitsangebot zurückgeht. Sogar im Mittelalter sind unsere Vorfahren mit teilweise nur 30 Arbeitsstunden in der Woche ausgekommen. Beim heutigen Stand der Technik könnten 20 Stunden genügen, ohne dass es uns an irgendetwas mangelte.

Ein auch nur um den Anteil der Arbeitslosen an der Erwerbsbevölkerung reduziertes Arbeitsangebot würde die Arbeitslosigkeit im statistischen Durchschnitt verschwinden lassen.

Gibt das Arbeitsangebot weiter nach, werden nach den Gesetzen des Marktes die Löhne und Gehälter steigen.

 

Über Investitionen wird anders entschieden

Die ganz große "Bescherung" durch fließendes Geld aber ist noch etwas anderes: Unsere Geldordnung hat großen Einfluss auf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen.

Was ist Ihnen lieber: eine Million Euro heute oder eine Million Euro in zehn Jahren? Natürlich ziehen Sie die Million heute vor, denn wenn Sie’s geschickt anfangen, haben Sie daraus in zehn Jahren schon zwei Millionen Euro gemacht. Sie können auch umgekehrt rechnen: Eine Million in zehn Jahren ist für Sie heute nur eine halbe Million wert. Eine sichere Million in zehn Jahren und eine halbe Million heute haben somit für Sie den gleichen Wert. Das ist deshalb so, weil Sie die Million in zehn Jahren auf den Wert von heute heruntergerechnet haben – die Fachleute nennen diesen Rechenvorgang „Abzinsen“. Ich habe dabei für Sie hier gerade mit etwa sieben Prozent gerechnet.

Die Unternehmen vergleichen heutige und zukünftige Ausgaben und Einnahmen ebenso. Natürlich müssen sie mit höheren Prozentsätzen rechnen, denn sonst könnten sie das Geld besser zur Bank bringen und bräuchten die Mühen und Risiken einer Investition nicht auf sich zu nehmen.

Mittelständische Unternehmen rechnen oft mit 12 Prozent. Das bedeutet: Bei einer Investition, die heute eine Million Euro kostet und in zehn Jahren eine Million Euro bringt, wird die Million in zehn Jahren mit 12 Prozent auf den Wert von heute abgezinst und ist dann nur noch 321.973 Euro wert. Wenn die gleiche Investition in hundert Jahren nochmals eine Million abwirft und wir diese auf den Wert von heute abzinsen, dann sind das nur 12 Euro.

Es ist bekannt, dass vielen global agierenden Unternehmen 12 Prozent nicht genügen und sie eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent verlangen. Wenn ich in hundert Jahren eine Million Euro einnehme und sie mit 25 Prozent auf den Wert von heute abzinse, erhalte ich nur 0,0002 Euro – den Hundertsten Teil eines Zwei-Cent-Stücks!

 

 Geld bringt mehr Menschen um den Verstand als die Liebe

Für winzige Bruchteile eines Eurocents in der Zukunft lohnt es sich natürlich nicht, heute zu investieren. Weil die Einnahmen, die eine Investition in der Zukunft auslöst, heute so wenig wert sind, brauchen wir sie auch nicht zu berücksichtigen. Auch der Schaden, den eine Investition in ferner Zukunft auslöst, ist heute sehr wenig wert und wird deshalb ebenfalls nicht berücksichtigt. Es kommt allein darauf an, was in den nächsten zehn Jahren aus einer Investition wird. Danach kann dadurch die Sintflut ausgelöst werden – die heutige Rentabilität beeinflusst das kaum.

 

Umweltschutz

In unserem heutigen destruktiven Geldsystem können die Unternehmen deshalb nur die kurzfristigen Vorteile berücksichtigen. Sie holzen Bäume ab, die über Generationen gewachsen sind, zerstören Böden und Fischbestände für kurzfristigen Ertrag, ruinieren unser Klima und riskieren Endlagerkosten für atomare Abfälle für hunderttausend(!) Jahre. Der Erhalt von Trinkwasserquellen, sauberer Luft, der Artenvielfalt, den tropischen Regenwäldern und dem klimatischen Gleichgewicht ist einfach nicht rentabel.

Wenn ein Unternehmer nun aber seiner Verantwortung für die Zukunft der Menschheit gerecht werden will und nur solche Investitionen vornimmt, die die Natur erhalten und dem Leben dienen, hat das fatale Folgen für ihn: Seine im heutigen Geldsystem unrentablen Investitionen senken den Wert des Unternehmens an der Börse – den „Shareholder Value“ – und es wird ein Kandidat für eine so genannte feindliche Übernahme. Selbst ethisch verantwortliches Handeln kann die Schäden, die unsere destruktive Geldordnung anrichtet, nicht aufwiegen.

Die vergangene Zeit hat uns eine Fülle von Beispielen geliefert, wo große, gut geführte Unternehmen mit einem niedrigeren „Shareholder Value“ von viel kleineren Konkurrenten übernommen werden konnten, weil deren kurzfristig ausgerichtete Investitionsprogramme eine Übernahme finanzierbar gemacht haben. Hunderttausende Arbeitsplätze mussten deshalb allein in Europa abgebaut werden.

Fließendes Geld ändert das: Weil es nicht verzinst wird, wird es auch nicht abgezinst.

Eine Million heute und eine Million in zehn oder in hundert Jahren haben den gleichen Wert. Das hat schwerwiegende Folgen: Zum Beispiel müssen dann die Trilliardenkosten für die Endlagerung atomarer Abfälle in den heutigen Preis des Atomstroms hineingerechnet werden, mit der Konsequenz, dass wir dann mit einer einzigen Kilowattstunde Atomstrom unser ganzes Lebenseinkommen verprassen.

Verstehen Sie jetzt, warum die „wissenschaftliche“ Ökonomie fließendes Geld totschweigt, warum die Politik wegschaut und die etablierte Presse die Augen davor verschließt?

Aber auch der zukünftige Nutzen von Investitionen wird bei fließendem Geld nicht abgezinst, sondern in voller Höhe in die heutigen Investitionsentscheidungen eingehen.

Vielleicht wird dann die Magnetschwebetechnik plötzlich rentabel. Vielleicht rechnet es sich dann, ganz Europa mit einem Unterdruck–Tunnelsystem zu unterkellern, in dem Magnetschwebezüge mit 500 km/h verkehren und auch unsere Autos ans Ziel bringen. Und an der Oberfläche dieses wunderschönen Kontinents können wir dann einen paradiesischen Naturpark anlegen.

 

Ob diese oder andere Projekte: Fließendes Geld wird einen Investitionsboom sondergleichen auslösen – wohl nicht mehr in Kathedralen, aber in eine qualitative Verbesserung der Infrastruktur, die heute technisch möglich und mit fließendem Geld dann auch finanzierbar wird.

Spekulationskapital allerdings wird einen Währungsraum mit fließendem Geld meiden. Das kann uns fröhlich stimmen, denn es treibt die Preise in die Höhe ohne Werte zu schaffen.

 

Wir können wählen!

Geld bringt mehr Menschen um den Verstand als die Liebe. Sobald wir aber den Konstruktionsfehler des Kapitalismus – unser destruktives Geldsystem – erkennen und fließendes Geld einführen, sind wir nicht länger Sklaven der Wirtschaft. Die Wirtschaft wird dann von selbst dem Leben dienen – und damit auch uns Menschen.

Unser heutiges destruktives Geldsystem belässt uns im Zustand einer gefräßigen Raupe, die ihren Lebensraum sinnlos zerstört. Fließendes Geld verwandelt uns in einen Schmetterling, der voller Freude lebt und das Blumenmeer nicht zerstört, sondern befruchtet. Die Verwandlung in den Schmetterling ist der einzige Sinn der Existenz der Raupe gewesen. So wird unser wunderschöner kleiner Planet wieder zu dem Paradies, als den Gott ihn erschaffen hat.

Wir sollten uns nicht so gebärden, als ob das Erkennen volkswirtschaftlicher Zusammenhänge nur den Gralshütern vorbehalten bliebe, die ihre verhärteten Standpunkte vortragen, hat Ludwig Erhard gesagt. Wenn Sie diesen Aufsatz gelesen und verstanden haben, brauchen Sie – um Hans Blüher erneut zu zitieren – die übrigen Werke der Volkswirtschaftslehre nur als Kommentar zu lesen, denn Sie wissen etwas, was die Hochschulen ausblenden, was die Presse verschweigt und was die Politik nicht zur Kenntnis nimmt: Sie kennen jetzt die Ursache der schmerzhaftesten Probleme unserer Zeit.

Was in unserem Bewusstsein als Möglichkeit vorhanden ist, kann auch geschehen. Die Erde wird den Himmel spiegeln oder die Hölle. Es ist Ihre Entscheidung. Sie können jetzt wählen – zwischen schweigender Mitschuld und mutiger Rede oder Tat.

 

 

Wer sich weiter informieren und etwas tun will:

www.inwo.de (überparteilich), www.humanwirtschaft.de (die Partei der Geldreform), www.cgw.de (christlich).

 

 

Prof. Dr.phil. Dr.rer.pol. Wolfgang Berger

war Manager in der chemischen Industrie und Professor für Betriebswirtschaftslehre.

Er hat das Business Reframing Institut in Karlsruhe gegründet (www.business-reframing.de)  und arbeitet als Unternehmensberater.

Seit Januar 2006 ist er 1. Vorsitzender der „Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung“ (www.inwo.de).

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