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Muslim-Markt interviewt
Prof. Dr. Wolfgang Berger, Volkswirtschaftler
10.12.2005

 

MM: Sehr geehrter Herr Prof. Berger. Sie haben sowohl in Philosophie als auch in Volkswirtschaftslehre promoviert. Wie vertragen sich diese Disziplinen?

Prof. Berger: Die vertragen sich gar nicht. Der Philosophie geht es um Weisheit, der Ökonomie um Effizienz. Wir lassen heute zu, dass alles der Ökonomie untergeordnet wird und sind deshalb gerade dabei, unseren Planeten als Lebensraum mit großer Effizienz zu zerstören. Weisheit hingegen würde alles einer anderen Frage unterordnen: „Dient es dem Leben?“

MM: In Ihren Veröffentlichungen erläutern Sie u. a. die Schädlichkeit von Zinsen für unser bestehendes Wirtschaftssystem, wie begründen Sie das?

Prof. Berger: Zinsen vermehren Geld ohne Arbeit. Da Geld nicht arbeiten und sich auch nicht von selbst vermehren kann, müssen die Zinsen von Menschen erarbeitet werden – von jedem von uns: In den Preisen von allem, für das wir Geld ausgeben, stecken im Durchschnitt 40 % Zinsen und auch ein wesentlicher Bestandteil der Steuern, die wir zahlen, sind Zinsen. Die meisten Menschen geben deshalb die Hälfte ihres Einkommens für Zinsen aus, auch wenn sie überhaupt keine Schulden haben.
Nur wenige bekommen diese Zinsen. Nur wenn Ihr Zinseinkommen höher ist als Ihr Arbeitseinkommen, gehören Sie zu den Gewinnern des Systems. Ist Ihr Zinseinkommen aber niedriger als Ihr Arbeitseinkommen, gehören Sie zu den Verlierern – und das sindfast alle. Ein System aber, in dem 90 % der Bevölkerung verlieren, was 10 % unverdient hinzubekommen, ist auf Dauer nicht lebensfähig.

MM: Warum nicht, anders gefragt: Woran soll das System zusammenbrechen?

Prof. Berger: Den wenigen, denen die inzwischen gigantischen Kapitaleinkommen zufließen, gehört bald alles – und alle anderen sind praktisch deren Sklaven. Bereits heute gehört sechs Personen 60 % des gesamten Reichtums der Welt. Das Römische Reich ist untergegangen, als seine unermesslichen Reichtümer 1.800 Familien gehört haben. Wir stehen jetzt vor dem Untergang der von den U. S. A. geprägten Form von Kapitalismus.

MM: Wie kommt es, dass nur so wenige Wirtschaftswissenschaftler in der westlichen Welt diese Zusammenhänge erkennen oder publizieren?

Prof. Berger: Der Zins ist für die Ökonomen so selbstverständlich, dass sie ihre eigene Disziplin in Frage stellen, wenn sie den Zins in Frage stellen. Wer aber seine eigene Disziplin verleugnet, verleugnet sich selbst und wird von seiner „Zunft“ ausgeschlossen. Wer viele Jahre studiert hat und mit diesem Wissen einen Beruf ausübt, muss Mut haben, um das alles abzulegen.

MM: Was schlagen Sie als Alternative vor?

Prof. Berger: Sämtliche Religionen verbieten den Zins – sämtliche! Als Ökonom sage ich, dass man ihn nicht verbieten kann. Es würde sofort ein „schwarzer“ Finanzmarkt entstehen. So sind die großen Finanzdynastien der Fugger, Rothschilds und Wallensteins entstanden. Die Zentralbank muss „fließendes Geld“ einführen, bei dem der Markt den Zins auf Null drückt. Dann haben wir alle die doppelte Kaufkraft. Und weil viele dann lieber halb so viel arbeiten, beendet „fließendes Geld“ nicht nur die Staatverschuldung, sondern auch die Arbeitslosigkeit. Dazu muss die Zentralbank eine Gebühr auf Geld (Demurrage) erheben. Das Bankensystem bleibt – von dieser veränderten Rahmen-bedingung abgesehen – unverändert. Weil die Anleger die Demurrage sparen wollen, stellen sie ihr Geld auch ohne Zins für Investitionen zur Verfügung.

MM: Das ähnelt sehr den Konzepten mancher der Regionalgelder. Warum muss denn "herumliegendes" Geld an Wert verlieren? Wenn man es stattdessen in Gold anlegen würde, würde es doch auch nicht "automatisch" an Wert verlieren.

Prof. Berger: Fließendes Geld hingegen verliert nicht an Wert. Im Gegenteil: die Stabilität des Geldes ist garantiert, die Demurrage (Geldsteuer) macht es möglich, die Lohnnebenkosten zu reduzieren – vielleicht auch abzuschaffen – und dem Kapital die Finanzierung des Staates aufzubürden. Gold oder eine Goldwährung hingegen würde dazu führen, dass das Geld dem Wirtschaftskreis-lauf entzogen wird. Die Fachleute nennen das Deflation – die gefährlichste Form einer Wirtschaftskrise. Eine solche Krise mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit und unermesslichem sozialen Elend hat den Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht gebracht und letztlich den Zweiten Weltkrieg ausgelöst.

MM: Was muss ich ein Laie unter Business Reframing vorstellen?

Prof. Berger: Business Reframing verbindet Weisheit mit Effizienz: Wir sagen, dass ein Unternehmen für die Mitarbeiter da ist, die sich dort bis an die Grenze ihres Potenzialsentwickeln sollen. Und wir sehen, dass da, wo das geschieht, die Entwicklung des Unternehmens gar nicht mehr zu bremsen ist. Unser letzter Kunde hat in kurzer Zeit den Umsatz und die Belegschaft verdoppelt. Mit Business Reframing provozieren wir die Genialität in Unternehmen.

MM: Argumentieren Sie jetzt nicht auch genau auf der gleichen Basis des "Wachstums", und ist nicht der Zwang zum Wachstum mit der Grund für die Schwäche eines Systems, dass weder unbegrenzt wachsende Käufer noch unbegrenzt wachsende Ressourcen hat?

Prof. Berger: Wenn Sie das Doppelte verdienen weil sie doppelt so tüchtig sind, ist das doch in Ordnung. Bei einem einzelnen Unternehmen ist es ebenso. In einer Marktwirtschaft setzen sich immer diejenigen durch, die besser sind. Das bringt letztlich alle weiter. Ein quantitatives Wachstum aber, wie unser destruktives Geldsystem es erzwingt, zerstört unseren Planeten als Lebensraum. Ein einfaches Beispiel: Wenn wir das Bruttosozialprodukt von 100 um 15 auf 115 erhöhen, ist das ein Wachstum von 15 %. Das war die Situation in Deutschland nach dem Krieg (und ist es heute in China). Wenn wir es von 1.000 um 15 auf 1.015 erhöhen, ist das – bei dem gleichen absoluten Zuwachs – nur noch ein Wachstum von 1,5 %. Das ist die Situation in den reifen Volkswirtschaften mit gesättigten Märkten – auch in Deutschland. Wenn aber 3 % Zinsen vorab den Kapitalgebern zufließen, muss der Fehlbetrag den Arbeitenden weggenommen werden. Das ist der Grund für Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Ausdünnung der Infrastruktur etc. Dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen, hat nichts mit Politik zu tun, es ist systembedingt. Wir alle sind blind und sehen es nicht.

MM: Gibt es denn an deutschen Hochschulen wissenschaftlich abgesicherte Konzepte für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstum?

Prof. Berger: Es gibt mehrere Kollegen, die in Alternativen entwickelt haben, aber vom „Mainstream“ übersehen werden und die Politik nicht beraten. Das Konzept „fließenden Geldes“, das ich vertrete, hat nur wenige Befürworter an den Hochschulen. Dabei ist es die Lösung für viele der Probleme, die uns unter den Nägeln brennen: die Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit und die Umweltzerstörung. Der bedeutendste deutsche Wissenschaftler, der exzellente Bücher dazu verfasst hat, ist Privatgelehrter: Helmut Creutz

 

Links zu Prof. Berger:
Business Reframing® http://www.business-reframing.de/
Initiative für Natürliche Wirtschafsordnung e.V. (INWO) http://www.inwo.de/

 

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